SONIC MIRROR nimmt den Zuschauer mit auf eine ganz persönliche Reise durch BILLY COBHAMS Welt der Musik. Von einem Auftritt mit der finnischen ESPOO BIG BAND und dem Trompeter RANDY BRECKER geht es zunächst zu Cobhams familiären Wurzeln nach New York. Er trifft dort seine Eltern, bevor er in eine brasilianische Favela nach Bahia aufbricht, um dort bei den Kids einer Samba-Reggae Truppe seine afrikanischen Ursprünge wiederzufinden.
Der Trip erreicht seinen Höhepunkt, wenn Billy Cobham in seiner Wahlheimat Schweiz mit Autisten musiziert und dabei eine tiefgreifende, stark berührende Kommunikation entsteht, die der menschlichen Sprache weit überlegen ist. Cobhams Reise führt über die Musik geradewegs zu den Wurzeln persönlicher und kultureller Identität. "SONIC MIRROR": Das ist für Cobham der untrennbare Zusammenhang von Musik und Tanz, von Musik und Bewusstsein, von Rhythmus und Leben.
In SONIC MIRROR spricht der zutiefst menschenfreundliche Musiker über, mit und durch Musik, doch die Hauptrolle spielt die Musik selbst. Sie ist es, die Zusammenhalt schafft; sie gibt den Menschen Kraft und Perspektive; sie verleiht dem Anspruch auf soziale Gerechtigkeit und Bildung einen Ausdruck und dient in einem emotionalen Finale autistischen Menschen als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. SONIC MIRROR ist ein mitreissendes und hoch aktuelles Plädoyer für sinnliche, kulturelle Bildung und für den aktiven Umgang mit Musik überhaupt. Die Musik spiegelt die Menschlichkeit unterschiedlicher Kulturen wider und erweitert die Sinne für die Macht der Klänge.
Video mit Thomas Van der Stad:Was ist Autismus?
Idenditätssuche im Autismus: SONIC MIRROR von Thomas Van der Stad
In den alten archaischen Kulturen vergangener Zeiten hatte Rhythmus und
Klang rituellen Anteil am Leben des Menschen; Der Mensch konnte sich als
Einheit eines kosmischen Ganzen betrachten. Die innere Welt des menschlichen
Organismus war durchwoben mit sphärischen Klängen und Rhythmen.
Der Mensch erlebte sich selbst im Einklang mit der Welt, durchwoben vom
kosmischen Herzschlag. In den darauffolgenden Kulturen der menschlichen
Entwicklung erlebte sich der Mensch immer stärker abgesondert von
diesem kosmischen Ganzen und wurde zu sich selbst geführt.
Im Film SONIC MIRROR wird dieser archaische Klangspiegel erlebbar; Musik
wird hier als eine nonverbale Ausdrucksmöglichkeit verstanden, welche
es ermöglicht über den Rhythmus und den Klang die unsichtbare
innere Welt mit der äusseren Welt abzugleichen. Das Konzert mit Billy
Cobham und Okuta Percussion war der Versuch des Jazzmusikers und einer
afrikanischen Percussion group, einen musikalischen Dialog mit Menschen
zu führen, die ihr seelisches Vermögen nicht entsprechend zum
Ausdruck bringen können; Menschen des autistischen Spektrums.
Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung und lässt
sich aus dem griechischen < autos > ableiten, das soviel wie >
selbst < bedeutet. Dieser Begriff hat sich zum Synonym gebildet für
das nach Innen gewandt sein, der fehlenden Interaktion und Identifikation
mit der jeweiligen Umwelt, bis hin zur Isolation und damit das auf sich
Selbst geworfene Sein. Dass eine solche Isolation bis zum Identitätsverlust
führen kann, wird durch biographische Erzählungen in der zeitgenössischen
Literatur autistischer Menschen belegt.
Der Einbruch in die Tiefen der Identitätslosigkeit seit der frühesten
Kindheit verhindert den Aufbau von Selbstkompetenz, d.h. bestimmte Entwicklungsschritte
werden nur bedingt durchlaufen oder entwickeln sich nicht kongruent zur
Gesamtentwicklung. Der Dialog mit sich selbst, ist mehr auf innere Prozesse
und spezifische Erfahrungen bezogen und damit für die Aussenwelt
selten nachvollziehbar. Die fehlende Eigenwahrnehmung und damit der Verlust
des sozialen Kontexts führt in der Folge zu übersteigerten Reaktionen,
die sich dann in massiven selbst- und fremdaggressiven Verhaltensweisen
zum Ausdruck bringen.
Im Filmkontext selber wird ein Ausdrucksmittel erwähnt, die gestützte
Kommunikation, welche dem autistischen Menschen eine erweiterte Ausdrucksmöglichkeit
bietet und individuell sein Kommunikationsspektrum erweitern hilft. Gelingt
es über verschiedene methodische Ansätze das individuelle Potential
des Einzelnen zu aktivieren, so nehmen die aggressiven Verhaltensweisen
deutlich ab. In der Folge eines solchen Ansatzes zeigt sich eine deutlich
ausgeprägte Selbstkompetenz und damit aufbauend eine entsprechende
Handlungskompetenz, die bis in den sozialen Kontext hinein wirkt.
In der Musik gibt es die Möglichkeit aus sich heraus zu treten zu
können, einem Resonanzbogen vergleichbar, zwischen dem was ich bin,
was ich aushalten muss und dem was noch nicht anwesend ist, was kommt,
das erst aufgebaut werden muss. Dieses Spannungsfeld auszubalancieren
ist nicht einfach und braucht nonverbale Ausdrucksmittel die über
die rein sprachliche Verständigung hinausgehen; die Musik lotet dabei
den seelischen Gestaltungsraum aus und versucht durch rhythmisierende
Elemente, klangliche Improvisationen und interaktives Singen den Menschen
als Resonanzkörper zu stimulieren. Diesen Resonanzkörper zu
bilden sehen wir als Mittelpunkt einer gemeinsamen Arbeit autistischer
und nicht autistischer Menschen, um einander besser zu verstehen zu können!
Thomas van der Stad Bereichsleiter Autismus und Mehrfachbehinderung
In der Heimstätte Bärau/ Langnau i. E.